Offener Brief an Prof. Dr. Mouhanad Khorchide als Erwiderung auf seine Klarstellung

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Khorchide,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Erlauben Sie mir, auf Ihre Gedanken in wesentlichen Zügen einzugehen.

Zunächst bitte ich Sie, die gegen Ihre Äußerungen und Veröffentlichungen erhobene Kritik nicht als „Kriegserklärung“ zu verstehen – entsprechend ist kein Friedensangebot erforderlich. Vielmehr ist es von meiner Seite als konstruktive Kritik gedacht, um zu einem besseren Verständnis des Islam und der Muslime in Deutschland beizutragen.

Ihrem aufmerksamen Blick wird nicht entgangen sein, dass ich persönlich oder im Namen meines Verbandes Sie weder zur Reue aufgefordert, noch in anderer Weise ihr Verhalten als unislamisch bezeichnet habe. Ich empfehle höflich an dieser Stelle die heterogene Struktur der Verbandslandschaft und die differenzierten Töne, welche sich daraus ergeben, auch in dieser Differenziertheit wahrzunehmen.

Auch ich gehe davon aus, dass es Ihr Bestreben ist, die Belange der Muslime zu fördern. Keineswegs unterstelle ich Ihnen unlautere, „unislamische“ Absichten, sondern befürworte Ihren Wunsch nach einer anspruchsvollen theologischen Debatte. Ihre Ergebnisse und Ihre theologischen Schlussfolgerungen kann ich jedoch nicht vollständig teilen. Da Sie Ihre Position öffentlich einnehmen und propagieren, erlaube ich mir, meine Antwort öffentlich kundzutun.

 Dort wo Sie meinem Verständnis nach wesentliche Aussagen des Islam – wohlwollend formuliert – missverständlich und stark vereinfacht formulieren und als öffentlichen Gegenentwurf zum vermeintlich herrschenden Islamverständnis stilisieren, entspricht es meiner Verantwortung als Verbandsvertreter, meine Kritik auch öffentlich zu artikulieren, insbesondere dann, wenn Ihre Positionen zuvor öffentlich vorgetragen werden.

Sie dürfen nicht unbeachtet lassen,  dass in der öffentlichen Debatte gemeinhin  jede Form der organisierten Religionspflege und damit die bestehenden islamischen Verbände als konservative Kräfte -  die sich vermeintlich einer intellektuellen Auseinandersetzung verschließen und ihre Glaubensangehörigen in ein Gerüst der Gebots- und Verbotskontrolle zwängen wollen – wahrgenommen werden.

Viele glauben auch, wir würden alle Menschen, die sich nicht im religionspraktischen Sinn als Muslime begreifen, für verdammungswürdige Ungläubige erachten. Dies ist Ausdruck  einer verzerrten öffentlichen Wahrnehmung des islamischen Konservatismus in Deutschland, jedenfalls wird diese Haltung dem Islamverständnis meines Verbandes und unserer Gemeinden nicht gerecht. Ihre Äußerungen werden leider als Bestätigung dieser Vorbehalte herangezogen, obwohl ich Ihnen keine solche Absicht unterstelle.

In der Sache habe ich sehr wohl verstanden, welche Differenzierung Sie in Ihren Äußerungen herausarbeiten wollen. Ich kritisiere aber Ihre sprachliche Unschärfe.

Der Islam schreibt jedem Menschen die Eigenschaft zu, mit dem Angesicht Gott zugewandt geboren zu sein. Jeder Mensch ist in der Lage, sich suchend Gott zuzuwenden.

Exemplarisch offenbart sich dieses islamische Menschenbild in der koranischen Adams-Geschichte. Anders als vielleicht in anderen Offenbarungstraditionen wird Adam nach islamischem Verständnis nicht aus dem Paradies vertrieben. Unserem Islamverständnis nach erschafft Gott Adam neben der Befähigung zur Hingabe und Zuwendung ausdrücklich auch mit der Befähigung zur Auflehnung und Abkehr. Dieser Wesenzug manifestiert sich dann im Verstoß gegen ein göttliches Verbot.

In der Folge sendet ihn Gott auf die Erde herab, in dem Vertrauen darauf, dass Adam auch in dieser Distanz zu Gott und in dem Unvermögen Gott unmittelbar zu erkennen, sich dennoch ihm zuwenden und ihn suchen wird. Denn genau dafür wurde der Mensch auch erschaffen. Diese freiwillige Suche und Hingabe zu Gott macht die Besonderheit des Menschen aus. Gerade die Freiwilligkeit der menschlichen Ergebenheit in Gott und die Herausforderung, trotz der Entfremdung Gott zu suchen, macht das Bemühen des Menschen bedeutsam.

Mit dieser Sehnsucht nach Gott und der Bereitschaft zur Ergebenheit wird jeder Mensch geboren. Jeder Mensch hat demnach diese Eigenschaft, nämlich Gottzugewandtheit. Jeder Mensch ist demnach muslimun, im Sinne einer schöpfungsbedingten Möglichkeit.

Durch Liebe und Barmherzigkeit allein wird er aber nicht zum Muslim. Denn eine Eigenschaft zu besitzen bedeutet nicht gleichzeitig diese auch umzusetzen, etwas zu sein. Haben und Sein sind in diesem islamischen Verständnis etwas Unterschiedliches. Um Muslim zu sein, bedarf es weiterer auch ritueller Voraussetzungen, welche Sie ja zutreffend beschreiben. Ob ein Mensch auch diese Voraussetzungen zu erfüllen bereit ist, liegt in seiner persönlichen Entscheidung.

Unserem Verständnis nach ist diese Hinwendung zu Gott aus freier Entscheidung heraus im islamisch-religionspraktischen Sinn eine intensivere Ergebenheit. Sie ist Grundvoraussetzung, um Muslim zu sein. Sie kann nicht ersetzt werden durch eine bloße innere Haltung zur Liebe und Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist ein wesentliches Attribut Gottes, aber es ist nicht das Einzige. Gleichzeitig vermisse ich bei Ihren Ausführungen die Differenzierung der allumfassenden Barmherzigkeit (Rahman) und der spezifischen Barmherzigkeit (Rahim).

Der  Kern meiner Kritik trifft Sie insbesondere in diesem Punkt. Da ich unterstelle, dass Ihnen diese Komplexität des islamischen Gottes- und Menschenbildes bekannt ist, kann ich mir nicht erklären, wie Sie zu dem Ergebnis kommen können, die schöpfungsbedingte Möglichkeit zur Gottergebenheit reiche in ihrer durch liebevolles und barmherziges Handeln dokumentierten Manifestation aus, um Muslim zu sein, auch wenn der Mensch nicht an Gott glaubt. Ich will annehmen, dass Sie hier unglücklich formulieren.

Ein solches liebevolles und barmherziges Handeln kann verdeutlichen und begreifbar machen, mit welchen Möglichkeiten und Fähigkeiten Gott jeden Menschen erschaffen hat. Das liebevolle und barmherzige Handeln kann jedoch nicht die weiteren Voraussetzungen ersetzen, die mit dem Muslim-Sein verbunden sind.

In diesem Zusammenhang ist mir auch unbegreiflich, wie Sie zu der Annahme gelangen, mit dieser Unterscheidung würden wir alle Nichtmuslime für verdammungswürdige Ungläubige erklären wollen. Zitat: „Ich frage nun, ob alle Nichtmuslime, von denen die Vertreter der muslimische Organisationen in Hamburg erwarten, dass ich sie verdamme, dasselbe Wissen über Gott und den Islam und dieselben Argumente, die für den Glauben sprechen, so verinnerlicht haben, wie ein überzeugter Muslim und trotzdem Gott und den Islam ablehnen.“ Ich vermute, dass Sie an dieser Stelle mir und meinem Verband eine Rigidität zuschreiben, welche Sie vielleicht unter einigen radikalen Theologen erlebt haben mögen und die in der Öffentlichkeit  für eine Eigenschaft aller Muslime gehalten wird,  welche unter der Zuschreibung „konservativ“ subsumiert werden.

Eine solche Haltung wäre aber nicht nur nicht konservativ, sie wäre ganz und gar unislamisch. Ihnen ist ebenso wie mir bekannt, dass der Koran selbst zwischen Muslim-Sein und Gläubigkeit differenziert und voraussetzt, dass der Glaube auch in die Herzen der Muslime dringen muss, damit diese sich nicht nur „Muslim“ sondern auch als „gläubig“, „Muminun“ bezeichnen können. Gleichzeitig prophezeit der Koran auch Juden und Christen das Paradies, sofern sie an Gott glauben und rechtschaffen handeln.

Allein schon aus diesen Gründen können wir nicht eine exklusivistische Haltung einnehmen, die Sie uns  hoffentlich nicht zuschreiben wollen.

Ich wende mich aber entschieden gegen jeden Versuch, die im Islam klar definierten Voraussetzungen des Muslim-Sein durch vermeintlich modernistische Ansätze zu relativieren. Der Islam ist weder ein juristisches Konzept, das dem Menschen eine Gebots- und Verbots-Bilanz als Eintrittspreis für das Paradies in Aussicht stellt, noch ist er eine unverbindliche Wohlfühl-Esoterik, mit der sich jeder seine Aussichten im Jenseits schönfärben kann.

Als Muslime müssen wir vielmehr immer wieder und auch deutlich herausstellen, dass die Liebe Gottes eben nicht bedingungslos ist – auch hier unterscheiden wir uns ganz wesentlich. Allenfalls der Schöpfungsakt Adams mag als Ausdruck einer bedingungslosen Liebe verstanden werden. Spätestens mit unserer irdischen Präsenz ist an unsere Existenz auch die Verpflichtung zur Verantwortung für die Schöpfung und für unsere Mitmenschen gebunden. Die Suche nach Gott kann nur über die Wahrung dieser Verantwortung gelingen. Der Koran beschreibt dieses besondere Verhältnis zwischen Mensch und Gott, nämlich Vertrauen und Verantwortung zum Wohle des Einzelnen wie der gesamten Menschheit, als Islam und definiert dieses Verhältnis als allein zulässige Religion – ohne damit eine religionspraktische Exklusivität zu beschreiben, was in der Hervorhebung Abrahams als Vorbild deutlich wird.

Als Muslime können wir aber nicht von einer bloßen Werkgerechtigkeit ausgehen, weil uns mit der islamischen Offenbarung deutliche Hinweise, eine Rechtleitung zugänglich ist.

Wir können diese Rechtleitung nicht auf dem Altar des modernistischen Zeitgeistes opfern, um über eine konstruierte Bedingungslosigkeit göttlicher Liebe jedes menschliche Handeln als gleichgewichtig zu deklarieren. Die von Ihnen gewählten Formulierungen bergen aber die Gefahr einer solchen missverständlichen Deutung.

Die Liebe Gottes ist nicht bedingungslos. Sie ist aber grenzenlos. Für uns ist nicht erfassbar oder vorhersehbar, wie das göttliche Urteil über unsere irdische Existenz dereinst ausfallen wird. Es spricht viel dafür, dass das Urteil keine buchhalterische Bilanz über Sünden und Tugenden sein wird. Ebenso spricht aber auch viel dafür, dass bloßes barmherziges Handeln ohne Annahme der Offenbarungen eben nicht ausreichen könnte.

Der Ausweg aus dieser Unwägbarkeit darf es aber nicht sein, die Voraussetzungen des Muslim-Sein zu simplifizieren. Die Unwägbarkeit müssen wir aushalten und durch die Verkündung der Offenbarungsbotschaften – in unserem Fall des Islam – deutlich machen, welcher irdische Weg unserer Überzeugung nach der geradere Weg ist. Ebenso müssen wir aber auch akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich bewusst gegen den Islam oder gegen den Gottesglauben entscheiden. Diese Entscheidung müssen wir akzeptieren und auch respektieren. Denn der freie Wille des Menschen ist sein höchstes Gut.

Vor diesem Hintergrund und in der Annahme, dass Ihnen all diese Gedanken nicht neu sein dürften, trifft Sie meine Kritik an Ihrer sprachlichen Ungenauigkeit. Ihnen ist ebenso bekannt, dass wir diesen Diskurs nicht  in einem Elfenbeinturm führen.

Sie bieten jungen Muslimen und angehenden Religionslehrern eine theologische Erklärung an, die geeignet  sein kann, den Blick für die Rechtleitung des Islam zu verstellen. Das kann ich persönlich und als Verbandsvertreter nicht akzeptieren. Wenn Sie meinen Widerspruch insoweit als Ausdruck eines Konservatismus wahrnehmen sollten, begreife ich dies auch nicht als Vorwurf der Rückständigkeit, sondern als Kompliment. Als Muslime haben wir nämlich auch die Verantwortung, diese wesentlichen Aussagen des Islam zu bewahren und auch der nichtmuslimischen Öffentlichkeit verständlich zu machen, ohne den Islam auf eine letztlich unverbindliche und beliebige Liebesbotschaft zu reduzieren.

Kein christlicher Theologe wird behaupten wollen, es reiche aus, sich nächstenliebend zu verhalten, um Christ zu sein. Erlauben Sie mir bitte dann auch, dass ich an islamische Theologen einen ähnlichen Anspruch erhebe.

Ich hoffe, dass durch meine Stellungnahme die Substanz meiner Kritik deutlich geworden ist. Ich werde den wesentlichen Inhalt dieser Stellungnahme veröffentlichen, damit auch die Öffentlichkeit nachvollziehen kann, an welchen gedanklichen Koordinaten der innerislamische Diskurs verläuft und von welchen Gedanken mein Widerspruch getragen wird.

Wir Muslime können unsere Verantwortung für unseren Glauben nicht nur Dritten anvertrauen. Wir sind dazu berufen, uns dort zu Wort zu melden, wo wir die Klarheit der islamischen Botschaft gefährdet sehen. Die Öffentlichkeit dieses Diskurses ist hoffentlich für Muslime, wie für Nichtmuslime ein Segen.

Gern können wir unsere gedankliche Auseinandersetzung auch im Rahmen verschiedener öffentlicher Veranstaltungen fortführen, damit hoffentlich unser Meinungsaustausch zu mehr Erkenntnis über den Islam beitragen möge.

Lassen Sie mich abschließend nochmals betonen, dass ich Ihre guten Absichten nach einer anspruchsvollen und differenzierten theologischen Debatte zu schätzen weiß. Mit eben so guten Absichten erlaube ich mir diese Kritik, um Sie auf missverständliche Formulierungen hinzuweisen, mit denen Sie den Eindruck erwecken können, die Vorstellung eines barmherzigen und liebevollen Gottes stünde im Widerspruch zum Gottesverständnis islamischer Verbände in Deutschland.

Ich glaube, der islamischen Theologie in Deutschland ist am besten gedient, wenn wir der hiesigen Gesellschaft den Islam in seiner ganzen Komplexität und Gedankentiefe darlegen. Unser Austausch kann hierfür ein erster Schritt sein.

Dr. Zekeriya Altu?

Vorsitzender DITIB-Nord