Rede von Dr. Zekeriya Altug beim Iftar Empfang 2013

Sehr geehrter Herr Senator Detlef Scheele,

verehrter Herrr Generalkonsul Ak, Herr Dr. Görrig als Vertreter der ev. Kirche Deutschlands und Herr Dr. Nennstiel als Vertreter des Erzbistums Hamburgs, sowie die Vertreter der islamischen Religionsgemeinschaften, verehrte Abgeordnete des Bundes und der Hamburgischen Bürgerschaft, Liebe Gäste aus Nah und Fern, meine Damen und Herren.

Wir befinden uns im Fastenmonat Ramadan, welcher für uns Muslime nicht nur Entbehrung vom Essen, Trinken und schlechten Taten bedeutet. Vielmehr nutzen Muslime diesen Monat der besonderen Spiritualität um innezuhalten, in sich zu gehen, zu reflektieren und sich der Sinnsuche zu begeben, um auf dem Weg zum Insan-? Kamil, dem vollkommenen Menschen voranzukommen. In diesem Kontext möchte ich folgende Gedanken mit ihnen teilen.

Die einzige Konstante ist die Veränderung selbt. Dieser 2500 Jahre alte Satz von  Heraklit von Ephesus, einem griechischen Landsmann aus der Türkei erscheint uns heute mehr denn je als wahr. Dies gilt für das Individuum genauso wie für die Gesellschaft. Wer sich der Veränderung verweigert, kann die Zukunft nicht gestalten. Dementsprechend dürfen wir in unserer Stadt Hamburg über das bisher erreichte stolz sein. Der Senat und zuletzt auch die Bürgerschaft in Hamburg haben den Veränderungen in der Gesellschaft Rechnung getragen und erstmals in Deutschland mit einem Staatsvertrag die rechtliche Basis für die Gleichberechtigung der Muslime vertraglich untermauert.

Hierfür sei unser Dank nochmals an den Senat sowie die Bürgerschaft gerichtet, die parteiübergreifend ein starkes Zeichen für ein Miteinander gesetzt haben. Ebenso sei hier auch den Kirchen und Vertretern der anderer Religionsgemeinschaften gedankt, die diesen Weg unterstützend begleiteten.

Besonders gilt mein Dank jedoch den Vertretern der muslimischen Religionsgemeinschaften in Hamburg, den Vertretern von DITIB, SCHURA, VIKZ und der BIG, deren konstruktive Zusammenarbeit den Erfolg der jahrelangen Verhandlungen erst ermöglicht hat. Dieser Vertrag ist jedoch nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Weges, und weiterer Veränderungen in unserer Gesellschaft.

Allerdings brauchen wir in unserer heutigen, besonders schnelllebigen Zeit, in der es keine Konstanten mehr zu geben scheint, Anker, an denen wir uns festhalten können, um nicht gänzlich im Strudel des Lebens unterzugehen. Unser Schöpfer der Herr ist für uns die Konstante. Gott ist das einzig Absolute. Unsere Wahrnehmung von ihm ist jedoch auch immer subjektiv, durch unsere Unvollkommenheit begrenzt und somit stets veränderlich. Das Leben auf Erden betrachten wir Muslime nicht als Wartezimmer. Wir schreiten auf dem Pfad der Rechtschaffenheit um unseren Weg zu Gott, zu Allah zu finden. Dazu brauchen wir jedoch auch eine Wegweisung, eine Navigation wie man heute sagen würde.

Die Verbindung zwischen dem Schöpfer und den Menschen sind seine Offenbarungen, die Bibel und schließlich der Koran als abschließende Offenbarung. Dieser erleuchtet unseren Weg. Allerdings kann Gottes Offenbarung, der Koran welcher in der Leyletül Kadr, der Nacht der Bestimmung herabgesabdt wurde, den wir gestern gemeinsam in unseren Moscheen begangen haben, manchmal so hell scheinen, dass sie uns blendet. So ist sein Gesandter, unser Prophet Muhammed (Gottes Segen sei mit ihm), unser Wegweiser.

In dunkelster Zeit der Menschheit, in der Zeit der Cahiliyye, der Unwissenheit erleuchtete er den menschlichen Himmel und leitete eine Zivilisation der Güte und der Gerechtigkeit ein. Dem Zugrunde lag der Gedanke, dass nichts, was Gott erschaffen hat, wertlos sein kann. Diese Sichtweise führte unter Anderem zur Anerkennung der Null als eine Zahl, die zuvor von allen Zivilisationen abgelehnt wurde. Damit war es möglich, die Elemente der Zahlen in bis dahin ungeahnte Dimensionen zu erweitern. Das binäre Zahlensystem, auf dem unsere heutige gesamte Digitaltechnik basiert, wäre ohne die Null und somit ohne diese islamische Denkweise nicht realisierbar.

Der Mensch soll alle Geschöpfe lieben um des Schöpfers willen, so wie es der türkische Sufi Yunus Emre passend formulierte. Das beste Beispiel hierfür sehen wir zum einen bei König Salomon, der wegen einem Ameisenhaufen seine ganze Armee stoppte. Ebenso ließ unser Prophet Muhammed (Gottes Gnade sei mit ihm) bei der Eroberung Mekkas seine Armee über eine enge und holprige Seitenstraße marschieren, als er auf der Hauptstraße eine knurrende Hündin sah, die ihre Welpen beschützen wollte. Dabei befahl der Prophet zusätzlich seinem Gefährten Cuayl bin Süraka diese Hündin und ihre Welpen zu schützen, bis die gesamte Armee vorbeigezogen und die Gefahr gebannt war. Die Tatsache, dass diese Armee in der eroberten Stadt Mekka keine Rache an ihren Peinigern übte, von denen sie zuvor brutal gefoltert und vertrieben wurden, ist lediglich eine logische Folge dieser Einstellung. Denn der Koran als Gottes Offenbarung war ihr Wegweiser.

Demnach hat Gott den Menschen nach seinem Bilde in Würde erschaffen und jedem Menschen bis zu seinem Tod Zeit gegeben, zu ihm zu finden. Der freie Wille ist das Attribut, welches den Menschen dem Koran nach wertvoller als alle anderen Geschöpfe, ja sogar wertvoller als Engel macht.  Somit ist für die Muslime das Leben, die freie Meinung und auch die Würde eines jeden Menschen als Gottes Gabe und Barmherzigkeit unantastbarDaher lehnen wir sowohl Gewalt, als auch Androhung von Gewalt gegenüber anders Denkenden oder anders Gläubigen entschieden, egal ob Muslime Täter wie in Nigeria sind, oder Opfer wie in Arakan in Myanmar. Besonders betroffen macht uns auch  der Terror gegen den Islam und die Muslime in vermeintlich islamischen Staaten wie Ägypten oder Syrien.

Zur Schöpfung des Menschen heißt es im Koran: „Euer Herr hat euch erschaffen aus einem einzigen Wesen und aus ihm erschuf Er sein Partnerwesen, und aus den beiden ließ Er viele Männer und Frauen entstehen.“ (Nisa 1)

Diese Aussage lässt es offen, ob nun Adam oder Eva zuerst erschaffen wurde. Denn in ihrer Schöpfung und somit in ihrer Würde vor Gott sind alle Menschen gleich, egal ob männlich oder weiblich, gleich welcher Hautfarbe und welcher Nationalität. Vor Gott ist die Frau dem Manne gleich. Entsprechend diesem Glaubensgrundsatz ist es uns als DITIB wichtig, die Gleichberechtigung und die Teilhabe der muslimischen Frau entsprechend der Sunna unseres Propheten sowohl in unseren Gemeinden als auch in der Gesellschaft zu stärken. Hierzu haben wir in den letzten Jahren vieles getan und zuletzt durch strukturelle Änderungen sogar eine Frauenquote in den Gemeindevorständen eingeführt. Es ist erfreulich, dass im Tätigkeitsbezirk von DITIB Nord mittlerweile fast alle Gemeinden diese Satzungsänderungen übernommen und bereits weibliche Vorstandsmitglieder und mindestens eine stellv. Vorsitzende haben. Damit folgen wir nicht nur unserem Glaubensgrundsatz, erfüllen auch unsere Ankündigung im Staatsvertrag nach Förderung der Teilhabe von Frauen.

Es sei hier besonders auf die sehr gute Zusammenarbeit mit ihrer Behörde Herr Senator Scheele hingewiesen, die uns mit zwei Projekten bei der Frauenarbeit unterstützt und sicherlich wesentlich zu dem bisherigen Erfolg beigetragen hat. Gleichwohl sehen wir jedoch auch die Stadt Hamburg und die Mehrheitsgesellschaft in der Pflicht, die aus dem Staatsvertrag resultierende Verpflichtung einzulösen und Ressentiments und Diskriminierungen muslimischen Frauen gegenüber entschiedener entgegenzuwirken. Insbesondere Frauen mit Kopftuch leiden unter Ausgrenzung. Hier sind stärkere Signale in die Gesellschaft hinein nötig, um eine Normalisierung muslimischen Lebens auch für muslimische Frauen zu erreichen.

Meine veehrten Damen und Herren,

wir befinden uns im Monat Ramadan, dessen Bedeutung unter Anderem daraus resultiert, dass der Koran in ihm offenbart wurde. Begonnen hat die Offenbarung des Koran mit den Worten: „Iqra! Lies! im Namen deines Herren, der dich erschaffen hat.“ 

Somit ist für uns das Thema Bildung ein höchstes Gebot. Entsprechend haben wir uns als DITIB seit Jahren auch in diesem Bereich mit Bildungsangeboten für Jung und Alt engagiert. Exemplarisch seien hier Seminare für Eltern und Frauen oder Nachhilfe für Schülerinnen und Schüler genannt, die wir zum Teil auch mit anderen Trägern wie der Freiwilligenbörse Hamburg veranstalten.

Jugendarbeit ist ein Haupttätigkeitsfeld für uns. Hierzu gehört neben religiöser Unterweisung auch der Schutz der Jugendlichen vor allen Gefahren, wie vor Kriminalität aber auch vor Extremismus. Unser vom Bundesfamilienministerium gefördertes Projekt „Mein Weg!“ hat hier schon erste Erfolge erzielt. Ein Anliegen ist uns dabei auch, den Jugendlichen unser Verständnis von Religionsfreiheit und Demokratie näherzubringen.

Wie oben erwähnt, hat Gott den Menschen aus Adam und Eva erschaffen. Der Freie Wille ist dabei das, was den Menschen in seinem Wesen ausmacht und ihn sogar über die Engel stellt. Daher kennt der Islam auch keinen Klerus und kein Adelsgeschlecht, der legitimiert wäre, „durch Gottes Gnaden“ für Andere zu bestimmen. Daraus resultiert auch, dass der Islam den Freien Willen und somit die freiheitlich demokratische Ordnung nicht nur akzeptiert, sondern anstrebt. Die Wahl des ersten Khalifen im Islam ist das beste Beispiel hierfür.

Demokratie nicht Zweck zum Mittel um an die Macht zu kommen. Vielmehr ist Demokratie ein islamisches Grundprinzip, welches verantwortungsvoll zum Wohle aller eingesetzt werden muss. Wir sehen die Demokratie heute als einzig richtige Regierungsform, selbst dann, wenn die Muslime keine Aussichten für einen Wahlerfolg haben, wie es zum Beispiel in Deutschland der Fall ist.

Leider entsteht oft genug der Eindruck, als ob der Westen und besonders jedoch Säkulare Kräfte in islamischen Ländern, die Demokratie nur dann akzeptieren wollen oder können, wenn von ihr nicht die Muslime profitieren. Gewalt und Terror und in Besonderem einen Militärputsch im Nachhinein als Etablierung der Demokratie zu legitimieren ist nicht nur aus demokratischer Perspektive Fatal. Es ist gleichzeitig ein Verrat an westlichen Werten und Normen. Welche Folgen das für die Menschen haben kann, haben wir in der Vergangenheit in Algerien gesehen. Unsere Hoffnung und Gebete gehen dahin, dass heute Ägypten und auch andere Länder Nordafrikas von diesem Schicksal verschont bleiben.

Ebenso möchte ich europäische Kritik an zu harten Polizeieinsätzen als freundschaftlichen Rat wertschätzen. Problematisch wird es jedoch, wenn die gleichen Instanzen bei Terror und sogar Massakern plötzlich ruhig werden oder sogar nach Legitimationen suchen. Das ist den Muslimen auch muslimischen Jugendlichen in Deutschland nicht zu vermitteln. Es ist auch bei der Jugendarbeit die wir leisten wollen kontraproduktiv. Der Eindruck, dass einige das Spiel immer wieder von neuem beginnen wollen, wenn sie sich gerade unterlegen fühlen und hierbei Unterstützung finden ist des Westens unwürdig. Es spielt in die Hände von Extremisten. Spätestens die Kooperation von salafistischen und säkularen Extremisten in Ägypten sollte uns wachrütteln.

Möge Gott allen Menschen, die in diesen Tagen Verfolgung, Vertreibung und Terror ausgesetzt sind, helfen und ihnen beistehen.

Mit diesen Gefühlen möchte ich Ihnen Allen meine verehrten Damen und Herren und besonders ihnen, Herr Senator Scheele, für ihre Unterstützung danken und auch dafür, dass Sie heute unserer Einladung gefolgt sind. Ihnen verehrter Generalkonsul Herr Ak möchte ich herzlich Willkommen sagen, denn Sie sind erst heute in Hamburg gelandet. Mögen Sie in unserer schönen Stadt Hamburg eine schöne und erfolgreiche Zeit haben.

Dr. Zekeriya Altug

Vorsitzender DITIB Nord