Stellungnahme zu den Kopftuchdebatten

DITIB Nord verfolgt die aktuell geführten Diskussionen und Kopftuchverbotsdebatten mit Besorgnis. Diskussionen dieser Art sind dazu geeignet Muslime zu stigmatisieren und sie auszugrenzen. Ein Kopftuchverbot verletzt eindeutig Artikel 6 und 4 unseres Grundgesetzes, welches die Grundlage unseres positiven Zusammenlebens in einer Pluralen und offenen Gesellschaft ist.

Die Kleidung ist Teil des individuellen Ausdrucks und fällt somit unter den Schutz der persönlichen Freiheit der Bundesverfassung. Dies verdeutlichte auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestages in seiner Erklärung vom 26.01.2017, wonach das Tragen eines Kopftuches im Rahmen der Religionsfreiheit und des religiösen Erziehungsrechts der Eltern ein vom Grundgesetz her gewährtes Rechts ist. DITIB Nord stellt sich daher entschieden gegen eine Sonderbehandlung von Musliminnen wegen ihrer Kopfbedeckung.

Gerade wenn Diskussionen um Muslime geführt werden, wird sehr häufig, auf das Grundgesetz und auf die Werte unserer offenen und demokratischen Gesellschaft verwiesen. Um je verwunderlicher ist es, daß bei einer Debatte, in der gerade ein Verbot für Muslime gefordert wird, plötzlich unsere demokratischen Grundrechte, sowie das Grundgesetz selbst außer Acht gelassen werden.

DITIB Nord Vorsitzender Şimşek erklärt: ,,In einer Zeit, in der uns jede Woche Meldungen von verbalen und teilweise körperlichen Übergriffen, Beleidigungen und Beschimpfungen auf Kopftuchtragende Frauen erreichen, tragen Diskussionen dieser Art nur dazu bei, die ohnehin in den letzten Jahren immer mehr zunehmende Diskriminierung gegenüber Muslimen noch mehr anzustacheln. Anstatt das Miteinander zu fördern, wird versucht mit Scheindebatten neue Gräben in der Gesellschaft zu schaffen. Auch wird es vermehrter zu Fällen in den Schulen kommen, in den Lehrkräfte in den aktuellen Diskussionen eine Bestätigung ihrer Vorbehalte gegenüber dem Kopftuch finden werden und somit auch Kopftuchtragende Schülerinnen häufıger zum Ablegen ihres Kopftuches auffordern werden. Dies wird bei vielen muslimischen Schülerinnen das Gefühl der Ausgrenzung leider noch mehr stärken''.

Debatten dieser Art sind auch dazu geeignet Extremisten auf allen Seiten zu stärken. Religiös geprägte Extremisten nutzen die Ausgrenzungserfahrungen und Ängste der Muslime und verstärken sie, in dem sie diese aktuellen Debatten systematisch aufgreifen und zuspitzen, wonach ihre gesamte islamische Identität bedroht sei.

Auch rechtspopulistische Gruppen nutzen das Thema um ihre Vorurteile und Klischees gegenüber Muslimen quasi zu legitimieren um somit auch ihren Forderungen mehr Gehör in Politik und Gesellschaft zu verschaffen.

Dies ist ein bedrohliches Wechselspiel, das sich gegenseitig noch mehr hochschaukeln und somit ein Klima des Misstrauens und der Ausgrenzung schaffen kann.

Es ist eine bedeutende zivilisatorische Errungenschaft Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit in einer Gesellschaft nicht als Konfliktursache, sondern als eine Bereicherung anzusehen. Auch unsere heterogene Gesellschaft ist geprägt von diesem Leitbild. DITIB Nord setzt sich daher für konstruktive Lösungswege bei Konfliktsituationen ein. In einer pluralistischen Gesellschaft, in der gerade die Kleidungsfreiheit in all ihren unterschiedlichsten und individuellsten Formen zum Ausdruck kommt, können wir nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet die Kopfbedeckung der muslimischen Schülerinnen auch nicht ein Ausdruck der individuellen und religiösen Freiheit sein kann.

Diskussionen dieser Art erwecken bei vielen Muslimen eher ein befremdliches Gefühl der Ausgrenzung, anstatt ein Gefühl des Dazugehörens, zumal Forderungen nach einem Verbot des Kopftuches sich weder auf Tatsachen noch auf irgendwelche wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Thema beziehen können, aus denen sie legitimierbar wären.

Stimmen, die Behauptungen aufstellen, wonach eine Kindeswohlgefährdung von Kindern, die dem Anblick einer Kopfbedeckung tragenden Frau ausgesetzt sind, gegeben ist, sind haltlos und waren bislang weder ein Thema einer Studie noch irgend einer Erhebung. Dies verdeutlicht nochmals den Charakter dieser Debatten, der deutlich politisch getragen ist, anstatt sich auf Tatsachen und Fakten zu begründen.

Letztendlich handelt es sich um eine substanzlose populistisch geführte Phantomdebatte ohne eine wirklich gegebene gesellschaftliche Relevanz zu besitzen, zumal nur eine infinitesimal kleine Zahl von muslimischen Mädchen im Kindesalter tatsächlich Kopftuch trägt.

Die problemorientierte Diskussionsführung sowie die Instrumentalisierung des Kopftuches für politische Themen zementieren noch stärker Vorurteile gegenüber den muslimischen Frauen, was wiederum die Chancenungleichheit und die Diskriminierung in allen Bereichen unserer Gesellschaft stärkt und somit unser gesellschaftliches Zusammenleben eher belastet.

DITIB Nord ist daher besorgt über die aktuellen Debatten, die sogar ein vom Grundgesetz her gegebenes Recht in Frage stellen und eine Sonderbehandlung von religiösen Minderheiten verlangen.

Wir fordern sachliche und konstruktive Diskussionen, die auf der Grundlage unserer gesellschaftlichen und gemeinsamen Werte geführt werden. Diskussionen, die unser Miteinander fördern und stärken, anstatt Klischees bestätigen und neue Gräben in unserer Gesellschaft schaffen.

DITIB Nord