Vortrag zur muslimischen Jugendarbeit beim Zukunftsforum Islam 2013

Sehr geehrte Teilnehmer,

ich bedanke mich für die Möglichkeit, im Rahmen des Zukunftsforum Islam die Jugendarbeit und Präventionsarbeit der DITIB aber auch der muslimischen Gemeinden allgemein vorstellen zu dürfen.

Ich werde im speziellen auf das Projekt „Mein Weg!“ eingehen, welches im Rahmen der „Initiative Demokratie Stärken“ des Bundesfamilienministeriums gefördert und von DITIB-Nord durchgeführt wird. Ebenso werde ich das Projekt „ProDialog“ vorstellen, welches von DITIB mit Unterstützung der BAMF durchgeführt wurde. Zuvor möchte ich aber auch allgemein über Aspekte der Jugendarbeit der DITIB sprechen. Diese Aussagen sind auch übertragbar auf andere Moscheegemeinden. im letzten Teil werde ich auf die Terminologie und die Deutungshoheit von Begrifflichkeiten eingehen. Denn falsche Begrifflichkeiten oder deren undifferenzierte bzw. missbräuchliche Nutzung ist ein Hauptproblem bei der Radikalisierung und der Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft. Zuvor jedoch  einige Worte zu unserer Jugendarbeit.

Jugendarbeit war in Moscheen immer zentrales Thema. Obwohl die Beweggründe rein in der religiösen Unterweisung lagen und die Aktivitäten stärker nach innen gerichtet waren, so sehen wir heute umso deutlicher, dass eine gute Jugendarbeit der Religionsgemeinschaften immer einen präventiven Effekt hatte und weiterhin hat. Unter muslimischen Jugendlichen, die früh Kontakt zu ihrer Religion und somit ein gesundes Verhältnis zu ihrer Religiosität haben, gibt es kaum Kriminalität oder Radikalität. Diese von uns ständig betonte Tatsache ist mittlerweile durch zahlreiche Studien, welche unter anderem auch das Bundesministerium für Inneres in Auftrag gab, belegt. Somit sei darauf hingewiesen, dass wir Prävention nicht als Verhinderung falscher Handlungen, sondern als Unterstützung der richtigen Handlungen und des Guten im Menschen betrachten. Dabei gehören für uns neben ideologischer Radikalisierung natürlich auch die Gefahr der Kriminalität und der soziale Abstieg zu Gefahren, welche es zu verhindern gilt.  

Dennoch hat unsere klassische Jugendarbeit, welche sich auf religiöse Unterweisung und Freizeitaktivitäten für muslimische Jugendliche fokussierte, seine Grenzen schnell erreicht, besonders nach der Jahrtausendwende, nach stärker Werden der Islamfeindlichkeit. Denn mittlerweile trat die muslimische Identität  an die Stelle der ethnischen Identität bei der Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund. Muslimische Jugendliche sahen und sehen sich unter dem Zwang der ständigen Rechtfertigung für die Missetaten einiger Weniger.  Ebenso waren neue Ansätze nötig, um die falsche Wahrnehmung der Muslime zu verändern und geradezurücken, welche auch die Mehrheitsgesellschaft erreichen sollten, besonders jedoch eine bessere Vernetzung und Unterstützung der muslimischen Jugendlichen beim Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft leisten.

Hierfür wurde das „ProDialog“ Projekt mit Unterstützung der BAMF ins Leben gerufen. In einer drei jährigen Projektphase gelang es, 72 Multiplikatoren und über 1500 ehrenamtliche Dialogbeauftragte bundesweit auszubilden, welche die Vernetzung der Moscheegemeinden mit den kommunalen Institutionen und sozialen Trägern voranbringen. Im Nachhinein betrachtet kann man sagen, dass das Projekt in zwei Bereichen angesiedelt werden kann. Es wirkt primär der Islam und Muslimfeindlichkeit in der Gesellschaft entgegen. Gleichzeitig erreicht das Projekt aber tausende Jugendliche, die sich differenziert mit ihrer eigenen Identität befassen müssen, da sie ja diese als Dialogbeauftragte anderen näherbringen sollen. Wie wir wissen, ist differenzierte und reflektierende Auseinandersetzung mit der eigenen Identität der beste Schutz gegen Intoleranz und Hass.

Die DITIB-Nord hat basierend auf den Erfahrungen der klassischen muslimischen Jugendarbeit mit der Entwicklung neuer Ansätze das Projekt „Mein Weg! Jugend für die Zukunft“ ins Leben gerufen. Der Ansatz des Projektes wurde mit elf Experten unter Einbeziehung von externen Fachleuten wie Erziehungswissenschaftlern, Sozialarbeitern, Lehrern, Psychologen und muslimischen Jugendleitern und Mentoren erarbeitet. Das Konzept sieht in der Umsetzung zwei Ebenen mit jeweils zwei Phasen vor:

Die erste Ebene ist der bekannte Ansatz von Peer Groups und die Ausbildung von Jugendleitern und Jugendmentoren. Die Ausbildung der Jugendleiter wurde 2012 erfolgreich abgeschlossen und die Teilnehmer haben bereits mit der Arbeit vor Ort in den Gemeinden begonnen. Die zweite Phase der ersten Ebene beinhaltet 2013 eine Fortbildung von Jugendleitern zu Jugendmentoren. Diese sollen befähigt werden, auch mit problematischen Fällen unter den Jugendlichen umzugehen und Einzelfallhilfe zu leisten. Gleichzeitig sind die ausgebildeten Jugendleiter bereits aktiv in ihrem eigenen Umfeld und haben hier bereits erste Projekte angestoßen.

Die zweite Ebene des Projektes konzentriert sich auf den Bereich Internet und möchte hier ein Angebot schaffen, welches in dieser Form bisher nicht, oder nicht ausreichend existiert. Es ist bekannt, dass viele Jugendliche sich über ihren Glauben im Internet informieren und durch dubiose Seiten falsches Wissen aneignend einer Gefahr der Radikalisierung ausgesetzt sind. Hier schafft das Projekt „Mein Weg“ eine neue Plattform, wo muslimische Jugendliche aus erster Hand qualitativ gute Informationen über Islam, aber auch über aktuelle Diskussionen im Lichte des Islams erhalten können. Aber auch die Vernetzung der Jugendarbeit und somit die Einbeziehung der Mehrheitsgesellschaft sind Aspekte des Projektes, so dass man auch von positiven Effekten im Hinblick auf Islamfeindlichkeit sprechen kann.

Besonders betonen möchte ich einige positive Beobachtungen im Rahmen der Seminare. Dazu gehört, dass das Thema Antisemitismus unter unseren Jugendlichen, keine Rolle spielte. Eine gesunde Differenzierung zwischen dem Nahostkonflikt, den Handlungen des Staates Israel und der jüdischen Gemeinde in Deutschland gelingt den jungen Muslimen sehr gut. Ebenso haben die Jugendlichen ein gesundes Verhältnis zur Demokratie, den Menschenrechten sowie der freien Meinungsäußerung. Aber auch negative Erfahrungen haben wir gemacht, die hier nicht verschwiegen werden sollen. So befürworteten zwar alle Teilnehmer die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Umso erstaunlicher war es, dass bei zwei jungen Frauen welche zum Thema „Rollenbilder im Islam“ einen Vortrag hielten, patriarchale Wertvorstellungen herrschten. Bei der anschließenden Diskussion erstaunte uns, wie man aus dem Koranvers: „Der Mann hat Rechte gegenüber seiner Frau, wie auch die Frau Rechte gegenüber ihrem Mann hat!“  die Aussage: „die Frau soll sich dem Manne unterwerfen“ ableiten lassen kann. Es stellte sich heraus, dass insbesondere bei der Übersetzung ins Deutsche aber auch bei der Wahrnehmung von Inhalten die in Deutschland üblichen Klischees und Begrifflichkeiten häufig zu einer falschen Wahrnehmung auch bei muslimischen Jugendlichen führen. Denn die jungen Muslime wachsen mit den Vorurteilen in Schule, Öffentlichkeit und Medien auf, dass im Islam die Frau sich dem Mann unterwerfen soll. In der islamischen Literatur gibt es diesen Begriff als solchen nicht. Dort wird von Respektieren gesprochen. Dennoch sehen wir hier, wie das Aufwachsen mit falschen Klischees, aber auch die Nutzung falscher Begrifflichkeiten zu einer verklärten inhaltlichen Wahrnehmung der eigenen Religion führen kann.

Auch der Begriff Islamismus ist eine Quelle der Diskriminierung von Muslimen und eine Gefahr für Radikalisierung. Eine undifferenzierte Nutzung des Begriffes führt dazu, dass nicht nur diejenigen, welche sich aktiv gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung stellen und diese wenn nötig mit Gewalt ändern wollen als Islamisten bezeichnet werden, alle frommen Muslime, welche als solche zu erkennen sind. Wir haben als DITIB seit Jahren auf diese Problematik hingewiesen und auch im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz hingewirkt, dass dieser Begriff ersetzt werden soll. Erste Erfolge hierbei machen uns optimistisch. Zuletzt konnte ich feststellen, dass im Rahmen des Plenums der Deutschen Islamkonferenz am 7. Mai, bei der ich ebenfalls einen Vortrag halten durfte, der Begriff nicht mehr benutzt wurde. Sogar der Bundesinnenminister hat nicht ein einziges mal von Islamismus gesprochen. Diese Entwicklung macht Hoffnung, aber wir stehen am Anfang des Weges.

Die Deutungshoheit von Begrifflichkeiten, welche Muslime betreffen, muss auch den Muslimen, insbesondere den Vertretern der Mehrheit der Muslime überlassen werden. Wir haben hier einen Vortrag gehört, worin erläutert wurde, wann Sicherheitskräfte bei extremistischen Handlungen von Muslimen reagieren. Es ist erfreulich, dass mittlerweile der Fundamentalismus einer Person nicht mehr dazu führt, dass er oder sie als verfassungsfeindlich eingestuft wird. Allerdings, so haben wir gerade erfahren, ist jemand, der djihadistisch handelt, als solcher einzustufen und die Sicherheitskräfte sehen sich genötigt, bei diesen Personen einzugreifen.

Nun frage ich mich als frommer Muslim, wie ich mich verhalten soll. Denn wenn ich den Koran öffne und darin lese, so sehe ich eine eindeutige Aufforderung zum Djihad, die für alle Muslime gilt. Gleichzeitig erfahre ich, dass ich, sobald ich den Djihad ausübe, als verfassungsfeindlich gelte. Was aber bedeutet Djihad? Für die Sicherheitskräfte ist es scheinbar die Absicht, mit Waffengewalt dem Islam Geltung zu verschaffen. Ich würde dieses Terrorismus nennen und nicht Djihadismus. Für mich, sowie für alle Gelehrten des Islam ist der Djihad, welcher auch das Recht auf Selbstverteidigung im Falle eines Krieges beinhaltet das sich bemühen für gute Taten, um Menschen zu helfen. ich betone hier, dass es kein Recht auf Krieg im Namen der Religion ist, da der Islam keine Missionierung kennt, Es ist das Recht, die Religion auch mit militärischen Mitteln in Zeiten eines Krieges zu verteidigen. Der große Djihad jedoch ist die tägliche redliche Handlung eines jeden Muslims oder Muslima, wenn man anderen Menschen etwas Gutes tut. Auch das ehrliche Verdienen seines Unterhaltes kann als Djihad gesehen werden. Nun stellt sich jedoch die Frage, ob die Deutung der Sicherheitskräfte gilt, oder die Deutung der Muslime. Indem man den Begriff Djihad verteufelt, sorgt man dafür, dass die Vertreter der Muslime sich nicht mehr trauen, diesen Begriff zu nutzen. Wenn wir nicht von Djihad reden, so werden können Extremisten diesen islamischen Begriff umso leichter missbrauchen.

Was denkt wohl ein junger Muslim, wenn er im Koran die Aufforderung zum Djihad liest, Sicherheitsbehörden und Extremisten in seltener Einigkeit diesen Begriff rein militärisch definieren, die Vertreter der Muslime sich nicht trauen, den Begriff zu benutzen, um nicht als verfassungsfeindlich zu gelten. Hier können wir, die Vertreter der Mehrheit, manch einem Jugendlichen gegenüber unsere Authentizität verlieren. In solch einem Fall werden diese leichte Beute für Extremisten, welche diese Begriffe inflationär einsetzen, um ihren Bezug zur Religion zu verdeutlichen.

Es ist daher wichtig, dass Muslime ihre Terminologie selber bestimmen und dass diese nicht von Sicherheitsbehörden vorgegeben werden. Wenn wir den Begriff Djihad mit dem Inhalt füllen, den es verdient, wenn wir deutlich machen, dass der Begriff Anstrengung für eine gute Tat bedeutet, dass es bedeutet, Menschen zu helfen, zu spenden, sich zu bemühen, das Richtige zu tun. Dann werden Extremisten mit dieser Taktik nicht so leicht Erfolg haben. Denn junge Muslime können dann zwischen den beiden Definitionen differenzieren. Und können den Terror, den Extremisten mit diesem islamischen Begriff verdecken wollen, leichter entlarven.

Ebenso ist es auch wichtig, dass Jugendarbeit für Muslime auch mit Muslimen oder von Muslimen gestaltet wird. Zwar haben sich seit Jahrzehnten muslimische Organisationen wenig um Fördermittel bemüht, aber die wenigen, welsche es dennoch taten, wurden mit der Begründung abgewiesen, dass man keine Religionsgemeinschaften fördern könne. Traurig ist hierbei, dass im Gegenzug bei Anträgen auf Anerkennung als Religionsgemeinschaft immer wieder betont wird, dass wir als soziale bzw. kulturelle Vereine organisiert seien und nicht als Religionsgemeinschaft. Daher kann man sich dem Eindruck nicht erwehren, dass der Zugang zu Fördermitteln den Muslimen bewusst erschwert wurde. Dennoch macht sich hier  ein Umdenken bemerkbar. Einzelne Projekte wie die, die ich am Anfang meiner Rede vorgestellt habe, sind inzwischen möglich, aber noch bei weitem nicht ausreichend.

Ebenso ist es wichtig, dass man auch die Förderkriterien neu überdenkt. Es darf keine scheinbar „aufklärerische“ bzw. kulturhierarchische Haltung eingenommen und von den Trägern eine quasi Umerziehung von muslimischen Jugendlichen verlangt werden. Man sollte vielmehr die gesunden Kräfte des Mainstreamislams fördern, damit die wenigen Radikalen bzw. Extremisten nicht mehr im Namen des Islam oder für die Muslime stellvertretend stehen. Denn Akzeptanz und Anerkennung sind immer noch die besten Präventionsmethoden. Dies zeigt sich auch an den Beispielen in Hamburg und Bremen. Die hier mit der DITIB und anderen Vertretern von Muslimen geschlossenen Staatsverträge haben das Zusammengehörigkeitsgefühl von Muslimen mit Nichtmuslimen wesentlich gestärkt. Es wird nicht erwartet, dass man als neues Mitglied sich einfügen und dabei Teile seiner Identität aufgeben muss, sondern dass man als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft sich gemeinsam für eben Diese einsetzen soll. Das wir schon lange zusammengehören ist den muslimischen Jugendlichen bewusst. Nun ist es an uns, dieses in die Tat umzusetzen und auch die Mehrheitsgesellschaft mit einzubeziehen.   

In diesem Sinne möchte ich mich nochmals für ihr Interesse bedanken und stehe ihnen für Fragen gerne zur Verfügung.

Dr. Zekeriya Altu?

Vorsitzender DITIB Nord