Wir wollen, Wir dürfen nicht vergessen, nicht wegsehen und nicht schweigen!

Köln, 28.05.12: Gemeinsam mit der Familie Genc, den Menschen in der Stadt Solingen und in ganz Deutschland gedenken wir in unseren Gemeinden der Opfer des perfiden, hinterhältigen und tragischen Brandanschlags. Wir tragen Trauer und erinnern an den 29. Mai 1993, an dem fünf türkische Mädchen und Frauen jäh ihres Lebens beraubt wurden. Diese schreckliche Erfahrung, die einen traurigen Höhepunkt der rechtsextremen Gewalt in den 90er Jahren darstellt, hat sich dauerhaft ins kollektive Gedächtnis der deutschen Gesellschaft und ihrer Migranten eingebrannt.

Der Solinger Anschlag wurde in einem gesellschaftlichen Klima begangen, in dem Ausländer zunehmend zu einer Gefahr für die Bundesrepublik erklärt wurden. Ängste wurden geschürt, rassistische Ressentiments wurden mit Begriffen der angeblichen „Überfremdung“ und „Staatsnotstand“ unter der leichtsinnigen Losung „Das Boot ist voll“ politik- und gesellschaftsfähig. In diesem Klima der Kälte und Angst, die sich gegen „Ausländer und Asylanten“ richtete, fühlten sich die Rechtsextremen bestärkt und entfalteten einen unheilvollen Aktivismus. Gerade das war verheerend für die weiteren gesellschaftlichen Entwicklungen.

 

In einer Zeit, in der die Bemühungen um universale Menschenrechte und Freiheiten von Individuen, aber auch Gesellschaften an Bedeutung gewinnen, haben menschenfeindliche Hass- und Gewalttaten keinen Platz. Dennoch besteht einerseits das Bestreben zur nachhaltigen Eindämmung rechtsradikaler und menschenfeindlicher Gesinnungen und anderseits ein proportional dazu ein dauerhaft bestehendes, großes Problem eben damit. 

Eine gesamtgesellschaftliche Anleitung, Befähigung und Aufklärung zu einem dauerhaft konstruktivem Menschenbild, das auch die vermeintlich „Fremden“ als natürlichen, gleichberechtigten und wertvollen Teil der Gesellschaft einschließt, ist durch sozialisierende Einrichtungen und Akteure dringend notwendig.
 
Denn offenbar gibt es begünstigende Zusammenhänge zwischen weitreichenden gesellschaftlichen Strukturen und Vorgängen, stigmatisierenden Diskussionen und negativ konnotierten soziopolitischen Einbettungen einerseits, und der rechtsextremen, gegen marginalisierte Teile der Gesellschaft gerichtete Gewalt- und Hasstaten anderseits.

Prof. Ali Dere, Vorsitzender des DITIB-Dachverband sagt dazu: „Diese menschenverachtende Tat führt uns größte Zerstörungskraft solcher Taten im persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Leben vor Augen. Diese Tat, der Solinger Anschlag, erinnert uns daran, wie verheerend das Zusammenspiel von gesellschaftlichen, politischen und medialen  Diskussionen das Zusammenleben nachhaltig beeinflussen kann; Und wie dadurch Ausbreitung und Agitationsformen rechtsextremer Gesinnungen toleriert und ermöglicht, ja sogar hoffähig werden. Gerade unter diesem Eindruck -auch aktueller Entwicklungen- wollen wir unsere Betroffenheit und Hilflosigkeit überwinden, indem wir dazu anregen, Missstände anzusprechen und mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Eine breite gesellschaftliche Diskussion zum Umgang mit solchen Taten ist dringend notwendig, denn das gesellschaftliche Zusammenleben kann nur gelingen, wenn ethische Werte unserer Gesellschaft in den Vordergrund gestellt und gelebt werden. Werte der gegenseitigen Akzeptanz, der Bewusstwerdung füreinander und der gesellschaftlichen Empathie sind gleichermaßen religiöse und demokratische Werte, die durch diese Tat nur umso bedeutsamer werden, wenn man denn aus der Geschichte lernen möchte.

Politik, Medien und Gesellschaft lade ich zu einer Hinwendung und Betonung von Menschen- und Nächstenliebe ein, zur Empathie und Redlichkeit, zur Ausgewogenheit und Fairness gegenüber gesellschaftlich Schwache, Benachteiligte und Ausgegrenzte. Denn jede Gesellschaft, jede Gemeinschaft ist nur so stark, wie seine Schwächsten. Daran werden wir uns immer messen lassen müssen.

Daran mahnt und erinnert uns das nicht nur das sinnlose Sterben der fünf Mitglieder der Familie Genc. Die Opfer des Solinger Brandanschlages wollen wir in unsere Gebete einschließen und den betroffenen Familien Kraft und Gottes Beistand wünschen.“

 

Vorstand
DITIB-Dachverband