Zum Ende des Ramadan – Wieder ein Fastenmonat ohne Frieden

Ein weiterer Krieg auf der Liste
Der Ramadan ist fast vorüber. Es war wieder ein Fastenmonat ohne Frieden in weiten Teilen der Welt. Im Gegenteil fallen über Gaza und Israel Raketen vor allem auf Unschuldige und Schutzlose nieder, während diese Zeilen geschrieben werden. Und damit ist in diesem Monat Ramadan auf die lange Liste von Kriegen noch ein weiterer hinzugekommen. Diese Kriege gehen überall auf der Welt meist ohne Aussicht auf Versöhnung mit unverminderter Härte weiter.

Kaum Aussicht auf Versöhnung
Die Krisenherde in der Welt sind zahlreich. Gleichgültig wo, für die Menschen in Not da zu sein, ist die Aufgabe aller Menschen. Doch wir möchten zum Ende des Monats Ramadan auf die Länder mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung unsere Aufmerksamkeit richten. Für sie bedeutet der Monat Ramadan eigentlich Besinnung, Solidarität, Versöhnung und persönliche Läuterung. Wir möchten insbesondere der Menschen gedenken, für die ein weiteres Mal dieser heilige Monat eben keinen Frieden gebracht hat.

Diskrepanz zwischen Ideal und Realität
Die Diskrepanz zwischen den erhebenden Gefühlen, die der Ramadan mit sich bringen soll und der Bitterkeit der Realität ist groß. Für Syrien ist kaum ein Hoffnungsschimmer zu sehen, dass das Land nach Jahren des zerstörerischen Bürgerkrieges und des perfiden Tötens endlich zur Ruhe kommt. Es gibt heute keine Aussicht der Millionen Flüchtlinge auf baldige Heimreise. Welche Hoffnung besteht für die Menschen im Irak auf Einheit, Wird Versöhnung möglich sein? Und wann können die Menschen in Afghanistan, Libyen, in Nigeria oder anderswo sich ihres Lebens sicher sein? Und wie können wir sicher sein, dass die nun überwunden geglaubten Konflikte, wie in Ägypten, sich nicht in Kürze wieder zu Unruhen und Tod umwandeln?

Ermutigung für die Friedenssucher
Zwischen all dieser Hoffnungslosigkeit hat sich nun doch etwas Bemerkenswertes ereignet, das all jenen Außenstehenden, die nicht tatenlos zusehen möchten, vielleicht die Möglichkeit gibt, vor all dieser Zerstörung nicht in Ratlosigkeit zu erstarren. Es ist eine Ermutigung für all jene, die nichts anderes als das friedliche Zusammenleben der Menschen herbeisehnen und sich nicht durch die zynischen Argumente von Scharfmachern runterkriegen lassen wollen.

Initiative islamischer Gelehrter zu Frieden, Mäßigung und Vernunft
Das Türkische Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) hat in der vergangenen Woche über Einhundert islamische Gelehrte aus Zweiunddreißig Ländern zu einer Konferenz als „Initiative der islamischen Gelehrten aus aller Welt für Frieden, Mäßigung und Vernunft“ geladen. Der Präsident der Diyanet Prof. Dr. Mehmet Görmez hat dabei zur Eröffnung eine Rede gehalten, die in ihrer Deutlichkeit, Vehemenz und vor allem in ihrem selbstkritischen Ton im Namen der islamischen Gelehrten selten in dieser Form gehört wurde. Die Rede rechnet schonungslos mit der Diskrepanz zwischen dem friedlichen Anspruch der Muslime und ihrer aktuellen Wirklichkeit ab. Die Rede ist in jeder ihrer Nuancen bedeutungsvoll, da sie sich weniger in theologischen Details verliert. Sie stellt vielmehr die gemeinsamen Ideale aller Muslime, Recht, Gerechtigkeit und Freiheit in den Mittelpunkt.

Ausschnitte aus der Eröffnungsrede
Hier geben wir einige Ausschnitte aus der sehr deutlichen Eröffnungsrede von Prof. Dr. Mehmet Görmez, die die Rolle der Gelehrten in diesen Konflikten, den Begriff des Dschihad und den Schutz von Menschenleben gegen jede Machtbestrebung zum Gegenstand hat, wieder:

Es geht um die Bombardierung von Moscheen
„In dieser Konferenz geht es nicht um das gewohnte Austauschen guter Wünsche und Diplomatie, auch nicht um ein wissenschaftliches Symposium oder Fragen der Koranexegese oder des Fiqh. Es geht um die Frage, wie es sein kann, dass Muslime Moscheen, in denen der Name Gottes gelobt wird, bombardieren können, wie Menschen, die die selbe Gebetsrichtung haben, gegeneinander den Dschihad ausrufen können und wie unschuldige Menschen von ihren Brüdern im Glauben ohne Gnade getötet werden können.

Wir erleben bittere Ereignisse, die die aus der Spiritualität entstehende Freude davonfegen, bevor die Freude die Herzen berühren kann.

Argumente für die Islamophobieindustrie
Das Töten, die Selbstmordattentate, das Entführen von Mädchen, das Bombardieren von Moscheen, also der Terror, zerstören jede Wahrnehmung und jede Einstellung gegenüber dem Islam. Die Industrie, die eine Islamophobie zu produzieren versucht, zeigt auf die Zusammenstöße und Ereignisse in der islamischen Welt und verbreitet eine gnadenlose Propaganda und versucht die Angst gegenüber dem Islam in die Herzen zu streuen. Von hier aus betrachtet übersteigt der Schaden, den die unwissenden Anhänger des Islam dem Islam zufügen um ein Vielfaches den Schaden, den die Feinde des Islams dieser Religion zufügen.

Ursachen liegen nicht in der frühislamischen Zeit
Niemand soll versuchen den Grund für das, was heute in Irak und Syrien geschieht in den Ereignissen von Nehrevan, der Kamelschlacht, in Siffin, in Kerbela [Ereignisse der frühislamischen Geschichte, die zur Spaltung zwischen den Muslimen geführt haben] zu suchen.

Es ist falsch, die Wurzel für die heutigen Ereignisse in der Religion selbst oder in den Lehren der Konfessionen zu suchen. Wenn wir die Erkenntnisse der Sozialwissenschaften ansehen und so die Ereignisse zu beurteilen versuchen, so können wir sagen, dass nach der Besatzung in der modernen Zeit und nach der Kolonisierung, im Schatten des (darauf folgenden) Despotismus, die durch Armut, Bildungsferne und Gefangenschaft hervorgebrachten verletzten Seelen und tödlichen Persönlichkeiten ihren Hass, ihre Wut, ihre Leidenschaft und ihre Rachegelüste versuchen, unter dem Deckmantel von Religion und Konfession zu legalisieren. Die Gründe für die hervorgebrachten Ereignisse nur außen zu suchen, ist der einfachste Weg der Rechtfertigung. Die Schuld bei der jeweils anderen Konfession zu suchen, ist sehr leicht. Vielleicht rettet uns die Schuldzuweisung bei all diesen Ereignissen und die Suche nach Verschwörungen der Islamgegner, der äußeren Feinde, der bösen Mächte, der Imperialisten, der Zionisten über den heutigen Tag hinweg.

Gelehrte als das Gewissen der Umma
Doch die Gelehrten als das Gewissen der Umma [der islamischen Gemeinschaft] und die Erben der Propheten tragen mit der Vertretung der Vernunft, der Herbeiführung der Gerechtigkeit und der Sicherung der Einheit und Brüderlichkeit eine schwere Bürde. Die Gelehrten müssen die Muslime zur Mäßigung führen und die Umma vor jedwedem Extremismus und jedweder Gefahr schützen. Die Gelehrten müssen die Sucher von Recht und Wahrheit sein, ohne sich in irgendwelche schmutzigen politischen Beziehungen zu verstricken. Die Gelehrten können auf keinen Fall unter Führungen, die ihr Volk unterdrücken oder das Recht okkupieren dem Islam dienen. Die Einstellung und der Weg der Gelehrten ist die Einheit der Muslime, ihre Brüderlichkeit und die Erfüllung ihrer gemeinschaftlichen Interessen an erster Stelle zu halten und dafür das Risiko auf sich zu nehmen und die Wahrheit zu verteidigen. Nur so ist es möglich, Erbe der Propheten zu sein.

Wir haben Gott geschworen, nicht zu töten
Wir haben als islamische Gelehrte zwar lang und breit erklärt, warum man während des Hacc [der Pilgerfahrt nach Mekka] nicht einmal eine Ameise töten darf, darüber aber vernachlässigt zu erklären, was es bedeutet, einen unschuldigen Menschen zu töten und wir haben versäumt herauszuschreien, dass einen Menschen zu töten gleichzusetzen ist mit der Tötung der Menschheit. Die Gelehrten haben, als sie die Berechnung des Ramadanbeginns (ru’yetu hilal) erklärten, die Berechnung der Zeit des Fastenbeginns (imsak) aufzeigten oder als sie beschrieben, was das Fasten ungültig macht, weniger darüber gesprochen, wie das Bombardieren von fastenden und betenden Muslimen, von Frauen und Kindern die Einheit des Islam, die Einheit der Umma zunichte macht. Natürlich müssen wir über den Beginn der Fastenzeit sprechen, aber darüber hinaus müssen wir uns selbst und die anderen an unser großes Versprechen erinnern. In diesem Versprechen hatten wir Gott geschworen, dass wir keinen Menschen töten würden, dass wir nicht zerstörerisch sein würden und nicht erbarmungslos gegenüber Leben sein würden.

Terror ist kein Dschihad
Ein Muslim kann einen anderen Muslim nicht als Ungläubigen [müşrik, jemand der Gott einen anderen Gott beigesellt] betrachten und sich mit ihm dann im Krieg befinden. Ein solcher Kampf kann nicht mit einem der edelsten Begriffe des Islam, dem Dschihad, gleichgestellt werden. Niemand kann jemand anderen, der nicht seiner Konfession, seinen Ideen und seinem Verständnis anhängt als Ungläubigen bezeichnen [tekfir etmek] und ihn dann töten und anschließend dies als Dschihad bezeichnen. Chaos in der Gesellschaft anzurichten, Zwietracht zu säen, Massentötungen zu begehen, Moscheen zu bombardieren und zu morden, nennt man Terror. Terror kann nicht als Dschihad durchgehen. Im islamischen Dschihad kann Terror keinesfalls als Methode akzeptiert und angewandt werden.

Konfession kann nicht mit Glauben gleichgesetzt werden
Es kann nicht akzeptiert werden, die Konfession mit dem Glauben gleich zu setzen oder die Konfessionszugehörigkeit über die Zugehörigkeit zum Islam zu stellen. Eine sich auf die Konfession berufende Teilung, Diskriminierung und Zusammenstoß, ist ein Zeichen von Fanatismus und Unwissenheit [cehalet]. Wenn die Konfession über die Religion gestellt wird, ist es die Religion, die den Schaden davonträgt. Eine Konfession als Religion anzusehen und diese Sicht der Gesellschaft aufzuzwingen, hat den Willen der islamischen Gesellschaft zusammen zu leben zerstört, die im Wesen der Religion begründete Brüderlichkeit und die Kultur der Toleranz aufgehoben und das Anderssein zum Unglauben erklärt. Das Ergebnis einer Sichtweise, die eine Konfession als alleinigen Vertreter einer Religion sieht, ist, die anderen von der Religion auszuschließen, sie der Verderbtheit, der Verirrung oder gar des Unglaubens zu bezichtigen.

Gegen Unwissenheit, Fanatismus und Spaltung
Es ist undenkbar, dass der Islam, der uns vorschreibt, sich den Pflanzen, den Tieren und allem Lebenden mit Barmherzigkeit und Liebe zu nähern, auf der anderen Seite, ob gegenüber Schuldigen oder Unschuldigen, zu Blutvergießen und Massentötungen durch Selbstmordattentate ermutigt oder dafür die Erlaubnis gibt. Dschihad ist nicht der Name von Terror, Grausamkeit und Tötung, sondern der Name für den Kampf um lebenspendende Belebung. Der größte Dschihad, für den die Muslime heute allesamt einstehen sollten ist der Dschihad gegen Unwissenheit, gegen Fanatismus, Aufruhr und Spaltung. Niemand kann einen Dschihad gegen Unterdrückung rechtfertigen, der selbst zu Unterdrückung führt.“

Die vollständige Rede in Englisch finden Sie hier:
Englisch: http://www.diyanet.gov.tr/en/content/world-islamic-scholars-meet-for-peace/17095

 

Quelle: (www.diyanet.gov.tr)