Zur Gewalt gegen Religiöse Minderheiten

Mit Bestürzung und Ohnmacht nehmen wir in den letzten Monaten die verschiedensten Nachrichten über Krieg, Mord, Vertreibung und Unterdrückung insbesondere von religiösen Minderheiten aus allen Regionen der Welt auf. Während die Weltöffentlichkeit auf ein Ende der Gewalt in Gaza hofft, überschlagen sich die nicht weniger besorgniserregenden Meldungen aus anderen Teilen der Welt.

Fernab der Weltöffentlichkeit leiden unsere uigurischen Glaubensgeschwister in Xinjiang und die Rohingya in Myanmar unter staatlicher Willkür und Unterdrückung. In beiden Ländern sind Muslime Unterdrückung und Repressionen ausgesetzt. Den Uiguren wie auch den Rohingya werden die elementarsten Menschenrechte vorenthalten. Ihre Religion dürfen sie, wenn überhaupt, nur stark eingeschränkt ausüben. Immer wieder erreichen uns erschreckende Meldungen von Übergriffen auf Muslime, denen hunderte Menschen zum Opfer fallen. Die Gleichgültigkeit der Weltöffentlichkeit lässt uns zweifeln, ob die Menschenwürde und das Recht auf ein freies und friedliches Leben tatsächlich als universelle Menschenrechte verstanden werden. Auch Muslime in aller Welt müssen sich die Frage stellen, ob sie Mitgefühl und Anteilnahme wirklich als Gebot ihrer Religion sehen, oder ob ihre Empathie lediglich politischer Gesinnung folgt. Als Muslime sind wir dazu verpflichtet, uns Gewalt und Unrecht entgegenzustellen und die Schwachen und Verfolgten zu schützen, gleich welcher Volksgruppe und Religion sie angehören.

Die Terrorherrschaft des selbsternannten Islamischen Staates in Syrien und Irak (ISIS) hat bereits unzähligen Menschen das Leben gekostet. Neben den tausenden Muslimen, die hingerichtet oder vertrieben wurden, richtet sich der Terror des ISIS auch gezielt gegen Christen und andere religiöse Minderheiten wie die Jesiden. Diejenigen, die Tod und Unterdrückung entfliehen können, sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Eine Heimat in der sie über tausend Jahre, trotz vieler Höhen und Tiefen, friedlich in Koexistenz mit ihren muslimischen Nachbarn gelebt haben.

Als Folge der islamischen Haltung „Ihr habt eure Religion und ich habe meine Religion!“ [Koran: 109/6], welche nicht nur die Toleranz, vielmehr auch die Akzeptanz Andersgläubiger gebietet und das muslimische Denken stets geprägt hat, konnte diese Koexistenz verschiedenster Religionen in der gesamten islamischen Welt gedeihen. Diese Akzeptanz beschränkte sich nicht nur auf die abrahamitischen Religionen. Neben den Assyrern, Katholiken, Orthodoxen sowie den Juden haben auch viele Gemeinden vorislamischer Religionen wie Mandäer oder Jesiden eine gemeinsame Heimat mit Muslimen geteilt. Dies galt auch für nachislamische Religionen wie Bahai oder Drusen.

Diese jahrhundertelange Tradition des Islam gegenüber anderen Religionen wird dieser Tage durch die Hand einer Gruppe von Terroristen zerstört. Es ist nicht akzeptabel, dass Menschen nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit vertrieben oder umgebracht werden. Ebenso ist es auch nicht hinnehmbar, dass die Täter für sich beanspruchen, im Namen Allah´s zu handeln. Alles, was Gott uns im Koran lehrt, steht in direktem Gegensatz zu dieser Gewalt.

Wir stehen als Muslime in Deutschland zu unseren christlichen, jesidischen und muslimischen Geschwistern im Nahen Osten und fordern alle islamisch geprägten Länder und Gesellschaften auf, laut und deutlich ihre Stimme gegen diese Gewalt zu erheben. Wir hoffen, dass die Verse, mit denen die Anhänger der ISIS jeden Tag Gott anrufen, endlich Einzug in ihre Herzen finden und sie somit erkennen, dass ihr Weg des Mordens und der Unterdrückung nicht der Weg der Barmherzigkeit und Gnade ist, zu dem Gott Jeden Muslim aufruft.